Bifokal - was ist das?

Bifokal - was ist das?

Das Wort war mir schon ein Begriff. Kennt man ja irgendwie von "alten" Menschen. Wenn einen die Altersweitsicht eingeholt hat und die Kurzsichtigkeit auch noch in irgendeiner Weise das Sehen zur Herausforderung macht. Aber bei Kindern?
Ganz ehrlich, ich habe bis vor einem guten halben Jahr noch niemals etwas über Bifokal-Brillen bei Kindern gehört/gelesen/gesehen. Geschweige denn hab ich mir Gedanken zu diesem Thema gemacht.

Vor gut einem halben Jahr stand dazu ein Artikel in der Leben mit Down Syndrom (übrigens eine sehr informative Zeitschrift). Den ich damals nur mal so überflogen habe.

Als nun hier das Ausschneiden, Nachspuren und Ausmalen immer interessanter wurde und die kleine Lady die Linien nur mit viel Glück traf, machte ich mir so ein, zwei Gedanken. Irgendwie kams mir immer komisch vor. Morgens, wenn sie ausgeschlafen hatte, war das meist kein Problem, aber je weiter der Tag voranschritt, desto ungenauer (müder) wurde sie. Auch konnten wir immer mal wieder beobachten, dass sie sich neben den Stuhl setzte, neben die Stufe trat oder einfach mal so unkontrolliert irgendwo dagegen lief. Diese Dinge häuften sich mit dem "Müdigkeitsgrad". Meine Bedenken in Richtung Schule wurden wieder größer und langsam zweifelte ich auch an mir selbst. Mach ich mir das nur vor, dass sie es ja eigentlich kann, nur nicht tut? Hab ich hier die Mama-Verblendungsbrille auf? Hätte ich gerne, dass sie ordentlich auf der Linie schneidet und sie kanns einfach "rein technisch" nicht leisten? Hmmm, ich war irgendwie von mir enttäuscht, weil ich mir sicher war, dass sie sehr viel schöner und genauer arbeiten kann. Genauso war ich von ihr enttäuscht, weil sie es eben nur manchmal tat...Eine wirkliche Lösung viel mir nicht ein.

Unser Termin beim HNO brachte ein "alles in Ordnung"-Ergebnis.
Feinmotorisch wäre noch Luft nach oben meinte der Ergotherapeut. Ja klar, das sah ich auch...
Also mehr das feinmotorische Geschick üben. Aber auch das brachte nun nicht "DAS" Ergebnis.

Ein Kontrolltermin beim Augenarzt. Routine für die kleine Lady. Auch für uns.
Wie immer hat sie gut mitgemacht. Das Ergebnis wie immer. Keine Veränderung. Alles beim Alten. Hätten sich die Werte ja auch mal verbessern können ;)
Eine letzte Frage: "Gibt´s noch was, was man im Hinblick auf die Schule beachten muss?" Als Antwort bekam ich einen Artikel aus der LmDS in die Hand gedrückt. "Schauen Sie mal hier. Das sollten wir mal ausprobieren. Wäre eine super Sache, wenn Franziska es toleriert." Hmmmm ja....nun schon ein Weilchen her, als ich den Artikel über die Bifokal-Brille gelesen hatte. So ganz mein Wunsch war es ja nicht, der Maus eine "Oma-Brille" aufzusetzen. Aber probieren kann mans ja mal....und so verließen wir den Augenarzt mit einem Rezept für bifokale Aufkleber für ihre Brille und einer innerlichen Abwehrhaltung meinerseits.
Hab ich doch den Bericht damals mehr oder weniger mit Absicht überflogen, nur um nicht darüber nachdenken zu müssen, ob das was für uns wäre. Nun ja, so im Nachhinein muss ich gestehen, war das ziemlich egoistisch von mir und auch total fies der Maus gegenüber, ihr nicht die Möglichkeit zu geben Details zu sehen. Ja, mein schlechtes Gewissen ist sehr groß. Aber Selbstmitleid bringt hier auch nix. Also Augen zu und durch.



Was brachte nun der bifokale Aufkleber? Ja, so einiges. Ich bin erstaunt, was die Lady alles kann, wenn sie die Möglichkeit hat auch im Nahbereich scharf zu sehen, bzw. besser fokussieren zu können. Und sich hier nicht mehr ganz so stark anstrengen zu müssen.



Nach gut zwei Monaten geht mir das Schlüsselerlebnis, als wir den Optiker mit den bifokalen Aufklebern auf der Brille verließen, immer noch ganz nah.
Ich hab sie aus dem Laden getragen, weil sie sich mal wieder nicht von ihrem Lieblingsoptiker trennen konnte. Draußen hab ich sie auf den Boden gestellt und wollte mit ihr an der Hand gerade über die Straße, als sie urplötzlich stehen blieb. "Schau her Mami, daaaaa" Ihr werdet es kaum glauben, sie hat die Fugen im Pflaster entdeckt (Dazu müsst ihr wissen, dass unser Stadtplatz gepflastert ist). Zu Hause nochmal das selbe. Sie hat entdeckt, dass die Bodenfliesen gemustert sind.



Oh nein. Was hat sie dann alles vorher nicht gesehen? Die ersten Tage mit der "neuen Brille" war erst mal "neues Entdecken" und "sich dran gewöhnen" an der Tagesordnung. So nach und nach hat sie nun begonnen erkennbare Häuser, Männchen, Kühe zu zeichnen, Buchstaben zu schreiben (normale 1. Klasse-Schriftgröße), die Sprache explodiert, sie fällt kaum noch, balanciert, hüpft, schaukelt in allen möglichen Lagen, steigt Treppen im Wechselschritt und ist selbstständig wie nie. Ob das nun alles von der Brille kommt, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall kommt einiges davon, weil sie einfach besser, genauer sieht. Das Beste daran ist aber, dass sie mittlerweile selbstständig an die Brille denkt, sie aufräumt und das Putzen auch fordert, manchmal selbst probiert.



Wenn du nun hier angekommen bist, dann hattest du einen echt langen Atem. Ich konnte mich heute nicht kürzer fassen ;)

Hier findet ihr noch Info´s zur bifokalen Brille bei Kindern mit Trisomie 21. Einfach mal nachlesen, warum sie wichtig sein können. Ich kann nur sagen, für die Lady war´s die beste Entscheidung!

Habt noch eine schöne Restwoche!
Liebst, die Tine

Kommentare

  1. Wow, klingt das gut und auch interessant. Noch nie gehört .... gut, dass sie nun so fein sehen kann. Es macht schon nachdenklich, wenn man nun weiss, das sie viel nicht richtig sehen konnte.
    Alles Gute weiterhin, Franziska ist echt erstaunlich ....
    Elisabeth

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  2. Bifokal - was es nicht alles gibt! Natürlich auch mal wieder die ganze Palette für unsere Kids! Ich freue mich so zu lesen, dass Dein Muttergefühl Dir das Richtige gesagt hat und die kleine Lady ihre Welt noch einmal mit einer ganz neuen Blickweise entdecken kann.

    Bussi
    Deine Katha

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  3. Huhu,

    eigentich bin ich nur stiller Mitleser, nun muß ich mich aber doch mal melden. Unsere inzwischen knapp 11 jährige Tochter trägt seit ca. 5-6 Jahren auch eine solche Brille und kommt prima damit klar. Am Anfang hatte sie auch Aufkleber, als aber klar war sie kommt mit der Brille zurecht und nutzt beide "Sichten" hat sie echte Gläser bekommen. Seit ca. einem Jahr soll die Bifokalbrille sich ausschleichen, da sie nun ohne auskommen soll. Unsere Tochter hat übrigens kein "Extra" mitgebracht außer denen die alle Eltern kennen. Viel Spaß mit der neuen Brille, toll das man den Kindern heute so helfen kann

    LG Anja

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